Es gab keinen großen Plan für Veränderung. Erst kam der Zusammenbruch. Dann das Funktionieren. Und irgendwann die Frage, ob das wirklich mein Leben sein soll.
Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich glaube, etwas Besonderes erlebt zu haben. Ganz im Gegenteil. Vielleicht erkennst du dich in manchen Dingen wieder: immer funktionieren, Verantwortung übernehmen, für andere da sein, sich selbst irgendwo dazwischen verlieren.
Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass ein Leben, das von außen funktioniert, sich innen trotzdem komplett falsch anfühlen kann. Das hier ist mein Weg.
Bis zu diesem Sommer hätte ich gesagt: Mein Leben ist gut. Verheiratet. Unser Haus. Zwei kleine Töchter. Ein Job, der mir Spaß macht.
Dann wurde sie anders. Erst ein bisschen. Dann immer mehr. Mehr Abstand, weniger Nähe — Stress und Arbeit waren die Erklärung. Es gab keinen großen Streit, kein eindeutiges Zeichen, nichts, worauf ich hätte zeigen können. Aber ich habe gespürt, dass etwas nicht stimmt. Im Sommerurlaub haben wir noch miteinander geschlafen, aber irgendwann konnte sie mir dabei nicht mehr in die Augen sehen. Da wusste ich eigentlich schon: irgendetwas zwischen uns ist weg.
Ende August war ich beruflich in Hamburg. Mein Bauch spielte verrückt, ich saß in Meetings und war mit meinen Gedanken ständig zuhause. Dann ging sie eines Morgens einfach aus der Tür. Kein Tschüss, kein Kuss, nichts.
Am ersten September habe ich sie angesprochen. Sie saß auf der Couch, zog die Knie an, nahm ein Kissen vor den Körper und sagte: sie hat keine Gefühle mehr für mich, sie will sich trennen. Ich bin raus, wieder rein, habe noch einmal gefragt. Ich konnte es einfach nicht begreifen.
Später bin ich ins Auto gestiegen und einfach gefahren. Irgendwann stand ich am Kuckucksturm, mitten im Feld, vor mir die Weinberge von Rheinhessen. Und ich habe nur noch geweint. Alles sah aus wie immer. Aber mein Leben war es nicht mehr.
Am nächsten Morgen kam der nächste Schlag: die Kinder sollten bei mir bleiben. Zwei Mädchen, zwei und drei Jahre alt. Und plötzlich saß ich da und dachte nur: wie soll ich das machen? Wie soll ich arbeiten, wie soll ich zwei kleine Kinder betreuen, wie soll ich ihnen Sicherheit geben, wenn ich selbst gerade keinen Boden mehr unter den Füßen habe?
Dazu kam: sie zog nicht sofort aus, sie blieb im Haus, im Keller. Getrennt, aber jeden Tag nur ein paar Meter entfernt. Für mich war das kaum auszuhalten. Ich habe kaum gegessen, kaum getrunken, extrem abgenommen. Ich habe funktioniert, weil meine Kinder mich gebraucht haben — aber innerlich war ich komplett am Ende.
Irgendwann wusste ich: allein komme ich da nicht mehr raus. Ich habe mir psychologische Hilfe gesucht. Sechs bis acht Wochen brauchte ich allein dafür, diesen ersten Schlag überhaupt zu verarbeiten. Das war die schwerste Zeit meines Lebens.
Damals dachte ich, das Schlimmste sei die Trennung. Heute weiß ich: die eigentliche Herausforderung begann erst danach.
Nach dem ersten Schock kam irgendwann der Alltag. Und der hat nicht gefragt, ob ich bereit dafür bin. Zwei kleine Kinder. Arbeit. Haus. Garten. Einkaufen. Kochen. Wäsche.
Also tat ich das, was wahrscheinlich viele Menschen tun, wenn eigentlich alles zu viel ist: ich funktionierte.
Bei meinem damaligen Arbeitgeber war ich oft eine ganze Woche in Hannover. Beruflich hätte ich weitergehen können, mehr Verantwortung, mehr Karriere. Aber irgendwann war für mich klar: kein Job und kein Geld der Welt sind wichtiger als meine Kinder. Also habe ich mich für sie entschieden.
Mein Arbeitgeber gab mir später die Möglichkeit, meine Zeit flexibler einzuteilen. Die langen Wochen in Hannover fielen weg. Das hat vieles leichter gemacht. Einfach war es trotzdem nicht. Aber meine Kinder waren da, und damit war für mich klar, wofür ich jeden Morgen wieder aufgestanden bin.
Ich dachte damals, Stärke bedeutet, alles irgendwie hinzubekommen.
Ich hatte mich an dieses Leben gewöhnt. Viel arbeiten. Organisieren. Reisen. Kinder. Haushalt. Müdigkeit gehörte irgendwann einfach dazu.
Neuer Arbeitgeber, jeden Tag nach Offenbach, dazu globale Reisen. Ich organisierte eine Nanny, morgens um sechs aus dem Haus, abends oft erst kurz vor sieben zurück. Dann die Kinder abholen — denn egal, wie voll mein Tag war, sie waren Priorität eins. Erst danach kamen Kochen, Haushalt, Wäsche, Garten und alles andere. Am nächsten Morgen wieder von vorne.
Dann kam Corona. Ich war ständig krank, hatte kaum Energie, der Verdacht auf Hashimoto stand im Raum. Bei der Naturheilkunde kam schließlich heraus, dass meine Mineralien und Vitamine praktisch komplett aufgebraucht waren. Mein Körper hatte jahrelang genau das gemacht, was ich auch gemacht hatte: durchgehalten.
Bis mein Körper irgendwann sagte: nein, nicht mehr.
Irgendwann habe ich etwas verstanden, was für mich vorher fast undenkbar war: ich muss nicht überall hundert Prozent geben. Nicht im Job, nicht im Haushalt, nicht bei jedem Problem, nicht in jedem Moment meines Lebens. Denn wenn ich überall versuche, perfekt zu sein, bleibt irgendwann nichts mehr von mir übrig.
Also habe ich angefangen, Dinge auch mal gut sein zu lassen. Vielleicht sind es heute 60 Prozent, vielleicht morgen 80, und manchmal eben 100 — aber ich bestimme, wo meine Energie hingeht. Bei meinen Kindern ist es bis heute einfach: wenn sie mich brauchen, bin ich da. Gleichzeitig habe ich gelernt, sie mehr loszulassen. Nicht alles vorzugeben, nicht alles kontrollieren zu wollen, nicht aus jeder Kleinigkeit ein Problem zu machen.
„Papa, du hast dich sehr verändert. Du schreist uns nicht mehr an.“
Das hat gesessen. Aber ich wusste auch: ich bin auf dem richtigen Weg.
Mein Leben ist heute nicht perfekt. Ich habe immer noch einen Vollzeitjob, zwei Töchter, Verpflichtungen, Termine, Tage, an denen alles gleichzeitig kommt.
Der Unterschied ist: ich glaube nicht mehr, dass ich alles perfekt machen muss. Ich entscheide bewusster. Wo gebe ich Energie rein? Was lasse ich liegen? Was tut mir gut? Wo sage ich Nein? Und vor allem: was darf ich tun, statt was muss ich tun?
Im August 2025 habe ich meine Ausbildung zum Ernährungsberater abgeschlossen. Aktuell mache ich zusätzlich die A-Lizenz als Fitnesstrainer. Ich bin alleinerziehender Vater, aber was ich erlebt habe, ist kein Vater-Thema — es kann jeden treffen. Genau deshalb gebe ich mein Wissen hier an alle weiter, damit andere davon profitieren, statt in das gleiche Loch zu fallen wie ich.
Wenn ich meinem jüngeren Ich von damals heute etwas sagen könnte, wäre es wahrscheinlich nicht: „Du schaffst das.“
Sondern: Du musst nicht alles alleine schaffen.
Du darfst Hilfe annehmen.
Du darfst müde sein.
Du darfst Dinge loslassen.
Und du darfst irgendwann wieder anfangen, dein eigenes Leben zu leben.
Genau darum geht es hier.